Huren und Hexen wurden in ähnlicher Weise verfolgt – auch weil sie den Finger in kollektive Wunden legen. Dazu konnte ich auf dem Podium des Pfingstfestivals im ZEGG sprechen.
Eingeladen haben mich Dolores Richter und Michael Anderau.

„Herz, Sex und Spirit“ – unter diesem Motto stand das Pfingstcamp des ZEGG in diesem Jahr. Das Festival war voll ausgebucht, denn die Sehnsucht, an diesen Themen zu forschen, ist groß. Als ich mit Dolores Richter auf dem Podium saß, fragte sie mich, was meine Arbeit mit Sex, Herz und Spirit zu tun hat. Die Antwort war einfach: Alles. Es ist das magische Dreieck, in dem ich mich natürlich bewege wie ein Fisch im Wasser.

Das hört sich fast zu schön an, um wahr zu sein, und es ist auch nur ein Teil der Wahrheit. Denn eines ist in diesen drei Tagen klar geworden: Alle diese drei für Menschen wesentlichen Ecksteine tragen eine kulturelle Wunde. Ich befinde mich damit sozusagen in einem schönen, aber auch sehr schmerzhaften Dreieck, in dem sich etwas transformieren darf.

Was ist eine kulturelle, oder kollektive Wunde?

Beim „Sex“ ist es offensichtlich: Diese wunderbare, verbindende, lebendige und tiefe Kraft wurde durch Repression, Scham, Schuld, Verbot und Zensur im Außen und Innen zu einer Fratze dessen, was er für uns sein könnte. Im „Außen“ weil eine sexualrepressive Kultur mit Geboten, Verboten und Normen auf uns wirkt und domestiziert. Im „Innen“, weil wir die Zensur und das Tabu schon tief in unsere Zellen übernommen haben. Vieles erlauben wir uns nicht einmal zu wünschen, geschweige denn auszudrücken, weil wir die strengen Wächter schon internalisert haben.

Was machen wir mit dem miesen Twist aus Hunger und Verbot? Zwischen innerem Mangel und äußerem Überangebot? Wir pendeln zwischen „Überstimulierung und Unterernährung“ , wie Hannah Milling es in ihrem Vortrag sagte. Zwischen Hypersexualisierung und Lustlosigkeit.

Sex als nährende und lustvolle Quelle für uns zu erschließen, kann Arbeit sein. Diese Arbeit mache ich seit Jahren.

„Spirit“ – allein das Wort hat für viele einen negativen Beigeschmack. Es klingt esoterisch und einige denken an Aluhüte und Wirklichkeitsverklärer. Andere verbinden alles Religiöse mit Zwang, aufgezwungenen Ritualen und leeren Worthülsen. Das Christentum hat keine ruhmreiche Missionsgeschichte. Kollektiv, für ganze Bevölkerungen und für einzelne Biographien gab und gibt es zahlreiche Grenzverletzungen im Namen der Religion – es werden reale Kriege in religiöser Mission geführt.

Wie also ein positives Verhältnis dazu finden, an die Sehnsucht, „angebunden“ zu sein? Was, wenn es da eine Ahnung gibt, dass es mehr gibt als wir selbst sind, dass wir aus etwas entspringen, das viel größer ist? Wie gehen wir damit um, mit dem Bedürfnis, uns aufgehoben zu fühlen und geführt von einer „göttlichen“ Kraft, und wie finden wir das „Göttliche“ in uns – eine tiefe Wertschätzung und Hingabe an das Leben? Wie kann aus dem Wissen, dass wir verbunden sind und nicht getrennt, auch eine Praxis des Mitgefühls und der Solidarität erwachsen, die nichts anders als politisch sein kann?

„Du bist kein Tropfen im Ozean. Du bist ein gesamter Ozean in einem Tropfen.“
Rumi

Die Sehnsucht nach einer Spiritualität, die auch ein Zuhause sein kann, ist riesig und doch auch ein Tabu, weil für viele verbranntes Land.

Und dann das „Herz“ – wer meine Arbeit kennt, weiß, wieviel ich mit dem Herzraum arbeite.

Herzraum, was soll das sein, fragen viele, und es klingt für einige wie eine komische esoterische Idee und wieder eine von diesen Spürübungen, wo alle die Augen schließen und pathetisch ein- und ausatmen. Der Zynismus ist manchmal ein Zeichen der Ratlosigkeit. Manchmal sind wir „lost“ und wissen nicht, was das Herz „spricht“, wenn wir davon abgeschnitten sind. Der Herzraum taub und verschlossen.

Das Herz öffnen, sich allen Gefühlen öffnen, Panzer ablegen, berührbar werden, sich erlauben zu spüren- auch das ist nicht selbstverständlich. Wir leben in einer Welt, die nicht dazu angetan ist, dass wir berührbar sind und verletzbar.

Belohnt wird, wer durchhält und gut funktioniert. Sich fühlbar zu machen ist Arbeit, und es ist auch nicht immer schön, denn es kommen ja nicht nur positive Gefühle, sondern auch Trauer, Angst und Wut. Die ganzes Gefühlspalette ist so viel mehr wert, denn wenn Du Dir erlaubst, zu schwingen und in Resonanz zu gehen, bist Du lebendig. Das taube, gepanzerte Herz zu öffnen ist Arbeit.

In dem wertvollen Gespräch hatte ich die Gelegenheit, Dolores Richter als Gegenüber zu haben. Dolores ist eine sehr erfahrene Friedens-und Gemeinschaftsforscherin und leitet seit über 30 Jahren Gruppen. Sie stiftet einen roten Faden für die Arbeit mit den Wunden und der Heilung im Bereich der Liebe. Sie steht hinter dem Konzept „Sex, Herz, Spirit“, gab dem Projekt seinen Namen und hat die Potentiale dieses Dreieicks tief erforscht. Ihre Forschung, ihr „geistiger Garten“, ist Inspiration für viele in der Gemeinschaft und weit darüber hinaus. Sie ist auch Mit-Leitende der „Liebesschule für junge Erwachsene“, die unter dem Motto steht:

„Es braucht ein ganzes Dorf, damit eine Liebesbeziehung gelingen kann. Und damit ein Dorf überleben kann, braucht es blühende Liebesbeziehungen.“

Besser kann man es kaum ausdrücken.

Diese Heilungsarbeit, in dem verwundeten Dreieck, dem magischen Dreieck, in dem wir das Potential haben, uns angebunden, erfüllt, sinnhaft und tief berührt zu fühlen – die kann man nicht alleine machen.

Es braucht eine Kultur, eine bewusste Entscheidung von Menschen, die diese Arbeit machen möchten.

Ich bin sehr sehr glücklich, mich als Teil dieses Feldes zu begreifen und es mitzugestalten.

Sexarbeiter*innen sind Friedensarbeiter*innen

Ich arbeite mitten in der Wunde, mitten im Tabu, genau da, wo es wehtut und wo die größte Sehnsucht liegt.

Ich arbeite offensichtlich mit Sex. Ich arbeite mit Herz. Und wäre ich nicht spirituell angebunden, könnte ich die Arbeit nicht seit fast 15 Jahren machen und mich dabei pudelwohl fühlen. Die Liebe, die durch mich zu den Menschen fließt, kann gar nicht nur meine persönliche Liebe sein- sonst wäre ich komplett erschöpft.  Ich muss mir diese Liebe von woanders holen und mich anbinden. Als Sexarbeiterin habe ich eine selbstverständliche, verbundene Spiritualität.

Gleich drei Kanäle zu öffnen, die vielen Menschen im Alltagsleben häufig verschlossen sind, schmerzhaft oder taub – das ist unerhört. Die Gesellschaft kann darauf nur mit Abwertung reagieren, anstatt selbst in den Spiegel zu schauen.

Meiner Meinung nach ist Sexarbeit auch deshalb so stigmatisiert. Huren legen buchstäblich den Finger in die kollektive Wunde(n). Und das nicht nur, weil wir gegen die bürgerliche Ordnung verstoßen und eine Gefahr für geordnete monogame Zweierbeziehungen darstellen.

Wir arbeiten im magischen Dreieck der größten Sehnsucht und kennen uns aus an Orten der größten Orientierungslosigkeit. Es ist so gesehen ein „geheimes Wissen“, das nicht aufgeschrieben und veröffentlicht wird. Im Gegenteil: unsere Geschichten werden verschwiegen. Die Erzählungen, die über Sexarbeit kursieren, sind einseitig und zeichnen ein Bild der stummen und beschädigten Frau. Die Hure, die selbst spricht, bleibt unerhört. Im doppelten Sinne.

Ich denke manchmal, dass Frauen und Männern zu anderen Zeiten als „Hexen“ verfolgt und verbrannt wurden, weil sie vergleichbares „geheimes Wissen“ hatten, das für eine Mehrheitsgesellschaft unerträglich war. Und sei es, dass Frauen sich nicht an die für sie vorgesehenen Weiblichkeitsrollen gehalten haben. Die selbstbewusste, sich ihrer selbst sichere Frau ist häufig als Bedrohung wahrgenommen worden. Sie wurde verfolgt. Sie wird es auch jetzt noch in vielen Ländern dieser Erde.

Friedensarbeit im Netzwerk

Man muss aber nicht Sexarbeiter*in sein, um Friedensarbeit im Sinne von „Sex, Herz und Spirit“ zu machen. Es gibt noch unzählige andere, die von anderen Perspektiven am und im magischen Dreieck mitarbeiten.

Der Besuch im ZEGG hat mich wieder daran erinnert, welche Motivationen mich tragen – und dass ich nicht allein bin im Feld. Workshops geben und besuchen ist nicht nur hedonistischer Luxus, sondern eine Praxis für eine andere Kultur. Je mehr Menschen in diesem Dreieck Befreiungsarbeit leisten, desto größer wird die Anziehungskraft für andere.

Und irgendwann wird es immer selbstverständlicher, sich dort zu bewegen – wie ein Schwarm von Fischen.

Kristina Marlen

Der Video Mitschnitt des Podiumsgesprächs zwischen mir und Dolores Richter wird noch veröffentlicht. Wenn Du darüber informiert werden willst, trage Dich ein:




Weiterführende Infos:

Ich habe in meinen frühen 20ern einige entscheidende Zeit im ZEGG verbracht und verdanke ihm viel. Ich bin dort nicht geblieben, weil ich einige Haltungen dort nicht zeitgemäß fand und nicht mit meiner Lebensvison (und -realität) vereinbar sah: zum Beispiel den Blinden Fleck, den der Ort für nicht (ausschließlich) heterosexuelle Menschen hat. Dennoch fühle ich mich dem Ort verbunden, und bin voller Respekt für das gigantische Wissen über Menschlichkeit, Kooperation und positive Visionen des Zusammenlebens.

Die Einflüsse des ZEGG auf meine Visionen habe ich jetzt in diesem Blogartikel beschrieben:

Das ZEGG – Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgesstaltung- wurde 1991 als „Forschungs- und Seminarort für eine gewaltfreie Erde“ gegründet. Seit über 30 Jahren entwickelt die ZEGG-Gemeinschaft eine Lebensweise auf der Grundlage von Liebe – unter Menschen, mit der Natur und dem großen Ganzen. Über 100 Menschen führen das Bildungszentrum zusammen und gestalten einen zukunftsfähigen Lebensraum. Mit dem Lebens- und Lernort ZEGG setzen sie ein kooperatives und kreatives Leben in die Tat um.

Kerngedanken: „Wir verstehen das ZEGG als Kulturlabor. Leben in Gemeinschaft dient uns als Labor, in dem Grundlagen einer authentischen, nachhaltigen und kooperativen Kultur entwickelt und gelebt werden. Transformatorische Gemeinschaft ist unser Weg, nicht das Ziel.“

Mehr zu ZEGG

Über Dolores Richter

Über Michael Anderau
(Mitorgansiator des Festivals)